Gottesbild im Grunde gut sein lassen

„Welt ging verloren-Christ ward geboren“…manche Lieder singe ich an Weihnachten ziemlich kopflos. Beim zweiten Workshop-Abend von “Im Grunde gut” haben wir einige Liedtexte mal genauer angeschaut. Dabei zeigte sich ein recht einheitliches Bild: Dass Gott auf die Welt kommen muss, um den sündigen Menschen zu erlösen, funktioniert nicht mehr.

Ein Beitrag von Sarah Weber

Dass der Mensch im Grunde – ja sogar noch gesteigert- ohne sein Zutun, Stichwort: Erbsünde, böse ist, lässt sich spätestens nach der Lektüre von Rudger Bregman nicht mehr glauben. Und wir können uns auch aus menschlicher Perspektive moralisch besseres vorstellen als eine Wiedergutmachungsleistung für die Sünden der Menschen. Einen Herren zu preisen, „der uns macht von Sünden rein und des Menschen Heil will sein“ (Singen wir mit Fröhlichkeit, GL 762) kann ich dann nicht mehr mitsingen.

Das zeigt: Wenn wir im Grunde gut vom Menschen denken, dann wirkt sich das auch auf unser Gottesbild aus. Da waren die Herzen schon eher bei einem Gott, der uns zu Lichtes Kinder macht.

Wie lässt sich also ausgehend von Bregmans These über Gott weihnachtlich nachdenken?

Der Ausgangspunkt ist klar: Der Mensch ist im Grunde gut von Gott gemeint und Gott sieht dieses Gutsein des Menschen, traut den Menschen etwas zu. Gott sehnt sich danach, ein Gott für die Menschen sein zu dürfen. Dafür ist er auf das freie Ja des Menschen angewiesen. Dieser Wunsch nach einem freien Ja birgt ein Risiko für Gott: Kann der Mensch die Schöpfung bejahen, weil bei allem Schönen eben auch die Verletzlichkeit in der Schöpfung zu finden ist? Und jetzt kommt der geniale Gedanke des Christentums:

Aus lauter Liebe zum Menschen will Gott am eigenen Leib erfahren, was es heißt, Mensch zu sein. Gott geht seinen Geschöpfen nach: Er wirbt für sich, indem Gott das Leben mit uns Menschen teilt bis zum bitteren Ende. Durch das Leben, Sterben und Auferstehen von Jesus zeigt Gott, dass Gott alles tun wird, um das von Gott mit der Schöpfung Riskierte zu einem guten Ende zu führen. Was mehr hätte Gott tun können, um Vertrauen in Gott zu ermöglichen?

Mich begeistert, dass das Gutsein des Menschen nicht mehr von Gott abhängt, Gott nicht mehr notwendig ist. Denn wenn nur nicht notwendige Liebe echte Liebe ist, müsste Gott geradezu nicht notwendig sein wollen, um genau diese Liebe zu ermöglichen. Das ist nicht mehr der allmächtige Herrschaftsgott. Eher ein schwacher, abhängiger Gott, eben ein kleines Säugling. Doch ich kann mir keinen größeren Gott vorstellen, nach dessen Dasein und Locken ich mich sehne. So stimme ich gern ein: „Entäußert sich all seiner Gewalt, wird niedrig und gering und nimmt an eines Knechtsgestalt, der Schöpfer aller Ding.“ (Lobt Gott, ihr Christen alle gleich, GL 247)

Mich berührt diese Vorstellung jedes Jahr: Da wird ein Gott geglaubt, der die Würde des Menschen achtet, indem Gott sie selbst annimmt in allen Dimensionen: „Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt neuen Schein. Es leucht mitten in der Nacht und uns zu Lichtes Kindern macht“ (Gelobet seist du Jesus Christ, GL 252)

Es zeigt, wie der christliche geglaubte Gott grundlegend gut vom Menschen denkt. Und es zeigt, was dem Menschen möglich ist, wenn der Mensch sich ganz von diesem Gutsein leiten lässt. Dieser historische Mensch Jesus kann durch die Beziehung zum Unbedingten nicht anders als Menschen gewaltlos zu begegnen und an das Gute in jedem Menschen zu glauben. In allen Geschichten, die von Jesus erzählt werden, versucht Jesus das Gute, das im Menschen steckt, zum Vorschein zu bringen. Jesus zeigt mit seinem Tun, dass wir Menschen dazu in der Lage sind, Reich Gottes zu realisieren. Und dass offenbar etwas in uns genau dazu lockt: Arme zu speisen, Nackte zu kleiden…also dass wir empathisch sind und solidarisch. Für Jesus war diese lockende Kraft zum Guten der Vater im Himmel.

„Oh Herr, wenn du kommst, wird die Welt wieder neu, denn heute schon baust du dein Reich unter uns“ (o Herr, wenn du kommst, GL 233).

Ein Blog-Beitrag von Sarah Weber, Pastoralreferentin in Freiburg

Basis für diese Gedanken bildet: Magnus Striet, Krippengeflüster.Weihnachten zwischen Skepsis und Sehnsucht (2015) und John D. Caputo, Die Torheit Gottes. Eine radikale Theologie des Unbedingten (2022)

6 Antworten auf „Gottesbild im Grunde gut sein lassen“

  1. Danke für diese Gedanken. So glaube und sehe ich das auch und bin froh, dass ich es hier lesen darf. Gott geht mit uns von der Wiege bis zur Bahre. Von Windeln bis Leinentüchern.
    Will sich reiben am Leben der Menschen.
    Aber auch das glaube ich….sehet doch da…Gott will so freundlich und nah zu den Menschen sich kehren.. (habe das wort Verlorene mal unverändert…)

    Es grüsst
    Ralf Edinger…

  2. 1. Gott erschuf den Menschen nach seinem Vorbild. Ergo Als etwas “gutes”.
    2. Der Mensch, Adam und Eva wuden sündig.
    3.Und das sind wir auch noch heute, grosse und kleine Sünder.
    4. Trotz bester Vorsätze versündig wir uns an unseren Nächsten, unseren Partnern,Kindern , Nachbarn, usw.
    5. Um nicht an unserer Schuld zu ersticken , bietet uns GOTT die Gnade des V erzeihens an.
    6. Wie auch wir vergeben unseren Schuldienst.
    Dies lehrt uns das Vater unser. Und wenn wir nichts anderes tun, als uns täglich immer wieder unter Gottes Segen zu begeben, dann sind wir vielleicht jeden Tag etwas guter.

  3. Danke, das Sie das Thema aufgegriffen haben.
    Die Diskrepanz zwischen christologischer Theologie und Volks-/ Liedfrömmigkeit und auch Praxis sind für mich eine ständige Herausforderung.
    Danke für die gute Formulierung zur Gottes Menschwerdung.
    Ulrich

  4. Ich kann nicht mehr glauben das der Mensch im Grunde gut ist, und nicht der Erlösung bedarf. Der Mensch kann wahnsinnig Gutes tun, aber auch wahnsinnig Böses. Jeder der in die Geschichte der Menschheit, aber auch in die unserer Kirche schaut weiss doch auch von den Priestern die den Ihnen anvertrauten einfach nur Böses getan haben, ihr Leben zum Teil zur Hölle gemacht haben. [Hier haben wir den Kommentar aufgrund sehr persönlicher und sensibler Inhalte gekürzt, an der Aussage des Kommentars ändert sich nichts, Anmerk. d. R.] Haben die Menschen keine Verantwortung für ihr Tun ? Da auch bei meiner Tochter die irdische Gerchtigkeit versagt hat, hoffe Ich auf den Gerechten Gott. Natürlich liebt Gott die Menschen und er ist schon gar nicht Schuld, weil wir die Freiheit haben uns für oder gegen Gottes Liebe zu entscheiden. Und natürlich können die Täter umkehren, aber ohne Erkenntnis ihrer Schuld geht das nicht. Es genügt doch kein einfaches Sorry. Ich glaube wir müssen erlöst werden. Oder .. Helft mir Mit euren Meinungen.

    1. Danke für deine sehr persönliche und auch verständliche Position. “Im Grunde gut” bedeutet nicht, dass der Mensch nicht zum Bösen fähig ist. Die Position, die Rutger Bregman stark macht, ist, dass der Mensch im tiefsten seines Wesens das Gute sucht, Kooperation, Zuwendung und Empathie braucht und leben will. Warum es das abgrundtief Böse gibt, ist eine wichtige und rätselhafte Frage. Die einfache Rechnung “Mensch sündig, Gott rettet” ist leider auch nicht mehr so schlüssig, wie dies vielleicht für Menschen der Zeit war, als die Erbsündenlehre wie von Augustinus ausformuliert wurde. Ich glaube z.B., dass wir Erdsünde eher als “Verstrickung in einen Unrechtszustand” verstehen müssen, aus dem niemand sich entziehen kann (wenn ich geboren werden, tue ich das schon in einem Kontext, der auf Kosten von anderen Menschen passiert ist – vgl. z.B. die deutsche Kolonialgeschichte und AUsbeutung durch Wirtschaftszusammenhänge). Auch den Begriff der “Entfremdung” gibt mir einen Zugang zu dem “Ur-SÜnde” Gedanke… doch glaube ich an das Gutgeschaffensein – und das beantwortet natürlich nicht die Frage, woher das Böse kommt. Auch reicht ein “Sorry” nicht aus, wenn Menschen sich bösartig und verletzend schuldig gemacht haben. Doch glaube ich, dass die Gerechtigkeit Gottes auch ganz anders und wunderwirkender, versöhnender aussehen wird, als die menschliche Gerechtigkeitsvorstellung, die aus Schmerz geboren wurde. Und “Erlösung” ist vielleicht in diesem Sinne “Versöhnung” / Friede…. der nicht menschlich hergestellt werden kann, sondern wirklich eine Gnade des Himmels ist… soweit mal ein paar meiner Gedanken dazu.

  5. Sünde ist doch nicht im Grunde böse zu sein. Sondern etwas was trennt von Gott bzw dem im Grunde gut sein em im Grunde gut sein im Weg steht.
    Und dann passt das “von Sünden rein machen und unser Heil will sein” wieder – finde ich

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