Berühr mich nicht

Heute im Tagesevangelium sagt der Auferstandene zu Maria von Magdala: “Fass mich nicht an.” Oder: “Halte mich nicht fest.”, berühr mich nicht. Ein anderes Osterevangelium erzählt von Thomas, der nicht glauben kann, dass Jesus auferstanden ist, bevor er nicht die Wundmale Jesu abgetastet hat. Österliche Berührungen in Covid-19 Zeiten.

Noli me tangere 1 - Berühr mich nicht

Beide Geschichten erzählen davon, dass wir als Menschen die Berühung brauchen. Und dass wir an einen Gott glauben, der sich nicht festnageln lässt. Überhaupt: Beziehung lässt sich nicht in den Griff bekommen. Die Liebe zu einem Menschen braucht zum einen konkrete Zeichen und Zärtlichkeiten, und gleichzeitig sind diese keine Absicherung für echte Liebe.

Für mich sind die beiden Berührungs-Evangelien Ostergeschichten vom Unfassbaren: Ein unfassbarer Gott, der mich trotzdem berührt, auch wenn ich ihn nicht fassen kann. Zum Glück ist dieser Gott Mensch geworden und war wirklich fassbar – für mich heute immer noch im liebevollen, friedestiftenden, fürsorgenden Handlen: Hand anlegen, Tatkräftig anpacken für eine bessere Welt. Ich brauche diese fassbaren Lebenszeichen, ich brauche die Berührung, um etwas von dem Gott der Liebe zu verstehen. Aber ich neige wie wohl wir alle dazu, alles festzuhalten und in den Griff bekommen zu wollen. Die Ostererzählungen legen mir die Spur, die wir gerade jetzt gut brauchen können: Ohne Berührung trotzdem Beziehung leben – sprich “Glauben”.

Wir sind Vertrauende ohne Gott zu fassen, wir sind angewiesen, durch das Leben ergriffen zu werden. In dieser Spannung steht jeder Glaube. Zum Glück dürfen wir mit der Bibel beides sein: Maria, die ohne Berührung gerade Auferstehung erlebt. Und Thomas, der genug hat von einem “unfassbaren” Glauben und Berührung braucht?

Wer liegt dir gerade näher: Maria oder Thomas?

7 Antworten auf „Berühr mich nicht“

  1. Eindeutig: Ich bin heute “Thomas”.
    Für mich ist es eine der schlimmsten “Nebenwirkungen” bei den Maßnahmen zur Infektions-Verlangsamung, dass ich meine Freundin, meine Schwiegereltern, meine KollegInnen… nicht mehr umarmen darf, dass kein Körperkontakt mehr sein darf. Dabei bin ich privilegiert: Ich lebe in einer “Haushaltsgemeinschaft” mit meinem Mann und meinen drei erwachsenen Kindern, so dass ich nicht “verhungern” muss. Aber ich finde es gruselig, wenn alte, pflegebedürftige oder kranke Menschen nur von Menschen mit Ganzkörper-Schutzanzügen besucht und gepflegt werden dürfen, wenn niemand die Hand von Sterbenden halten darf (außer mit Latexhandschuhen), wenn die körperliche Nähe zur Gefahr wird…
    Klar: Selbstschutz der Pflegenden oder Angehörigen muss unbedingt sein. Aber ich möchte SO nicht sterben (oder auch nur krank werden…).
    Und auch im Alltag erlebe ich eine ängstliche Grundhaltung: Der andere Mensch ist zuerst einmal eine Gefahr! “Rühr’ mich nicht an – noli me tangere” nicht wegen der Unverfügbarkeit des Anderen (ob Jesus oder ein anderer Mensch…), sondern aus Angst um mich selbst.
    Was wäre, wenn wir uns alle anstecken ließen mit dem Oster-Hoffnungs-Keim?

    1. Danke für deine ehrliche Situationsbeschreibung und deine geteilten Empfindungen. Ja, diese Spannung ist gerade so schwer auszuhalten – dass Nähe ohne Körperkontakt möglich sein soll – wie kann das gut gelingen? Und gerade in Sterbefällen, ja, da müssten am besten die Sterbebegleiter*innen zu Wort kommen. hier gibt es einige praktische und theoretische Hinweise von kompetenten Leuten zu diesen Fragestellungen: https://www.palliative-care-forum.de/html/content/covid_19_palliative_care.html

  2. Ich bin eher ein Thomas.
    Ich leide sehr darunter, ich habe es so satt, dass sich die Hauptamtlichen einschließen und uns ausschließen aus den Sakramenten.
    Unsere Kirche ist tot! So empfinde ich das im Moment
    Liebe Grüße

    1. Danke für diese Wahrnehmung. Es geht einigen gerade wie Dir. Ich achte neben dem was als ausschließend empfunden wird auch bewusst auf die Kreativität des Volkes Gottes (also der Gläubigen überhaupt), wie Glaube und Beziheung gelebt werden kann. Da gibt es überraschend Schönes. Aber es kommt leider manchmal auf den Ort und die Kontexte an. Mit da_zwischen versuchen wir einen Zugang zu Glaube und Gemeinschaft zu bieten, der die üblichen Grenzen der Orte und der Rituale ausweitet und ungewohnt ermöglicht…

    1. Ich verstehe diese Stelle bisher so: Jesus kommt. Löst Maria aus der Trauer durch seine Gegenwart. Jesus gibt aber zu bedenken – halte mich nicht fest im Sinne von “im griff haben” / “Besitzen wollen” – an die Auferstehung muss man “glauben” – wie auch die spätere Szene mit Thomas es um das “Glauben” und nicht “Wissen” oder faktische Beweisen (=Festhalten) geht. Es spiegelt die Situation der Gemeinden des Johannesevangeliums, die schon einige Jahre nach dem Tod/Auferstehung Jesu (zw. 80 und 110 n.Chr.) ihren Glauben (den sie teilweise von Augenzeugen erzählt bekommen haben) nur aus “zweiter Hand” erzählt bekommen haben … also voll uns ganz unsere Situation.

  3. Maria.

    Sie kann Jesus nicht fassen, er ist zwischen den Welten. Für mich hat die Ostergeschichte einen großen metaphorischen Teil – die Wandlung vom Endlichen uns Unendliche. Das Unendliche nicht fassen zu können ist doch normal – sich dessen trotzdem gewiss zu sein, es im spirituellen Sinne zu wissen (bzw zu glauben), das ist die neue Qualität der Wahrheit.

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