Weihnachten 2018

Predigt 01 - Weihnachten 2018

Predigt 02 - Weihnachten 2018

Predigt 03 - Weihnachten 2018

Predigt 04 - Weihnachten 2018

Predigt 05 - Weihnachten 2018

Predigt 06 - Weihnachten 2018

Es ist ein prägendes Bild meiner Kindheit und verbindet sich mit dem Duft nach Tanne und dem Gefühl frischgestärkter Kleidchen und Kragen auf der Haut zu einem kostbaren Erinnerungsschatz: Maria und Josef, das Kind im Stall, die Krippe. Die bayrisch-traditionelle Landschaft schloss das Dirndl der Mutter ebenso ein, wie den alpenländischen Stil der biblischen Notunterkunft. Der Weihnachtsbaum bildete in seiner verheißungsvollen Schönheit den Himmel über dem Stall von Bethlehem. In unmittelbarer Nachbarschaft befanden sich am Weihnachtsabend die Erfüllungen aller Hoffnungen oder die Enttäuschungen aller Erwartungen, jedenfalls liebevoll in Papier gehüllte Gaben. 

Das Bild der Krippe in ebendieser Form – das hat Weihnachten so an sich, dass das Fest in archaischer Weise die Kindheit konserviert und an ihr bemisst, was gut und richtig ist – ist aber im Laufe der Jahre über sich hinausgewachsen. Es wurde vom Herzensmoment der Kindheit zum Symbol meiner Theologie und Gottesbeziehung. Von außen nach innen betrachtet erschließt sich mir darin eine Ahnung der Idee Gottes für uns Menschen:

Schönheit

Die Vorweihnachtszeit ist ein Rausch von Düften, Melodien, Tönen, Geschichten, von Tanne, Kugeln, Lebkuchenhäusern und Schleifen, von glitzerndem Tand bis zu leuchtender Schönheit. Im Weihnachtsabend findet das große Schmücken seinen Höhepunkt in Weihnachtsbaum und Festtagskleid. [Am Rande sei auf die stereotype Szene hingewiesen, die mein Kindheits-Weihnachten Jahr für Jahr begleitete und Loriot Ehre gemacht hätte: Mein Vater – einmal im Jahr im Anzug mit weißem Hemd und Krawatte – vor sich hin schimpfend damit befasst, in letzter Sekunde die zum Anzug gehörigen Schuhe auf Hochglanz zu polieren. Meine Mutter (fassungslos) im Hintergrund seufzend (laut!) ob der Tatsache, dass die Schuhe längst hätten geputzt sein sollen. In der Folge: Mein Vater – fluchend – mit Schuhcreme auf dem Hemd ins Bad hechtend, um im Ersatzhemd wieder zu erscheinen….]
Das Schmücken also. Kosmetik – Kosmos – Das Schöne. Die Welt ist schön! Viel mehr gibt es über den Kern des Christentums wohl nicht zu sagen. Unsere Botschaft heißt nicht umsonst „frohe Botschaft“. Sie erzählt von der Liebe Gottes zu den Menschen, von seinem unbedingten Willen, es uns gut gehen zu lassen und davon, dass die Schönheit in den kleinen Dingen steckt. Damit spart sie die dunklen Seiten nicht aus; verweist aber über sie hinaus. Natürlich gibt es Leid, Tod, Schmerzen, Kriege. Aber sie sind nicht das Ziel Gottes für seine Welt und uns Menschen. Die Natur ist vermutlich das eindrücklichste Zeichen Gottes dafür. Mit ihr übersetzt er seine Botschaft in unsere Sprache: So schön ist es, das Leben! Das lässt sich auf dem Gipfel eines Berges ebenso überzeugt sagen wie beim Anblick eines Schneekristalls oder eben mit Blick auf den grünen Baum im Zimmer. Ihn zu schmücken ist der Versuch einer Antwort an Gott: Ich helfe, deine Schönheit sichtbar zu machen, sie hervorzuheben. Dafür schmücken wir- den Baum und uns selbst. Dass wir mit dem Baum wie mit seiner ganzen Schöpfung sorgsam umzugehen haben versteht sich eigentlich von selbst.

Der Flüchtling im Elend

Der Stall – auch der alpenländisch gestaltete Wohlfühlraum – ist Sinnbild für den unwirtlichen Ort. Das „Elend“ ist wortverwandt mit dem „Ausland“. Wer im Elend lebt, der ist fremd. Maria und Josef sind fremd an diesem Ort, gleich in mehrfacher Hinsicht: Er ist nicht ihr „Zuhause“ es ist nicht „Heimat“, es ist überhaupt kein (Wohn-)Haus. Es ist ein Stall, noch dazu am fremden Ort. Elend.
Und doch wird das Elend zur Heimat Gottes und damit heilig. Menschwerdung beginnt im Elend. Nun vermittelt die Kirche nicht immer das Bild, im Elend zu Hause zu sein und erklärt es oft – aber längst nicht immer und konsequent – zu ihrem Ziel, Gott im Elend zu entdecken, so wie das die Weisen oder die Hirten getan haben. Das gilt für die Kirche im Großen, die weltweite, etwas angestaubte, aber nichts desto trotz goldglänzende Kirche, ebenso wie für die örtliche Gemeinde, der der Weg in die Fremde vor der eigenen Haustür auch nicht gerade leicht fällt. Dabei ist der Weg ins Elend, zu den Anderen, zum Fremden- auch dem Fremden nebenan- unser Auftrag. Ob ich dem gerecht werden kann, ob ich es überhaupt von Herzen will- das ist die große Anfrage des Stalls von Bethlehem an mich.

Geburt

Seit der Geburt meiner Kinder rührt mich die weihnachtliche Szene umso mehr. Das Bild der Mutter verändert sich mit den real erlebten Kreissaalszenen von der liebevoll sorgenden zur im Schmerz aufgelösten Frau. Maria dürfte erlitten haben, was Frauen erleiden: Panik und reißenden Schmerz, Verwundung und Angst, Hilflosigkeit und das Gefühl alleine sich selbst ausgeliefert zu sein. In einem Stall am Ende der Welt. Heiland hin oder her- keinesfalls rechne ich für die Stunden vor dem milliardenfach in Holz geschnitzten Familienglück mit ruhigen Weihnachtsfrieden. Was die Krippenszene beschreibt ist nicht der Sturm der Geburt, es ist die Ruhe nach dem Sturm. Es ist das Glück, die Erlösung, die Befreiung aus Angst und Not. Es sind die Momente, in denen die Hebamme den Kreissaal verlässt und die Zeit stehen bleibt. Ob es überhaupt einen Moment geben kann, der besser beschreibt, was der erwachsene Jesus später als Erlösung versprechen und im Ostergeheimnis erleben wird?

Frauen/Männer

Noch einmal zu Maria. Die Krippenszene könnte den Titel tragen „Wie eine starke Frau Gott Raum gab“. Ohne sie wäre die Krippe leer, die Verheißung unerfüllt, Gott wäre sicher Gott aber nicht Mensch geworden. Ohne ihre Zustimmung hätte Jesus seinen Namen nicht getragen, wäre Heilsgeschichte nicht Heilsgeschichte gewesen. Ohne sie nicht. Ohne die (einzige!) Frau – neben Josef, den Hirten und Königen – im weihnachtlichen Bild wäre die Krippe leer geblieben. Das Kind im Stall ohne die Männer- das wäre denkbar. Aber das Neugeborene im Stall ohne die Frau, die es gebar- das wäre undenkbar. Undenkbar also die Kirche ohne Frauen. Undenkbar?
Denkbar einfach: Vater und Mutter. Mann und Frau. Josef und Maria- bei aller theologisch-philosophischen Schwierigkeit, die sich aus Josef´ Vaterrolle ergibt. Es gibt die Krippenszene ohne Könige, auch ohne Kamele, Hirten, Engel. Es gibt sie in der kleinsten denkbaren Einheit: Vater, Mutter, Kind. Gott und Mensch in verschiedenen Geschlechtern. Ob Frauen in der Kirche mehr Verantwortung auf allen Ebenen übernehmen sollten ist mit Blick auf die Krippe keine Frage, sondern längst beantwortet. Alles andere: Undenkbar.

Das Kind

Jedes neugeborene Kind ist ein Wunder. Das klingt nach süßlichem Postkartenspruch, wird häufig auch so genutzt und ist dennoch eine tiefe Wahrheit. Nichts rührt die Menschen so an, wie das hilflose Neugeborene, nichts fordert Eltern so heraus wie das Kind, das trotz langer Zeit der Erwartung wie ein Meteoriteneinschlag in den Alltag, also sprichwörtlich vom Himmel fällt. Wie gut Gott uns Menschen kennen muss, um zu wissen, dass er uns nur als hilfloses Kind im Herzen anrühren und zur Demut verleiten kann. Die Menschwerdung sagt viel über Gott, sie sagt aber auch viel über die Menschen aus: Wir können nicht aus unserer Haut, können nicht Gott werden und streben trotz dieses Wissens immer nach mehr. Unser Leben ist Streben, nicht wundern. Gott lässt sich aber nur im Wundern finden, nicht im Streben. Er ist, was ein Kind ins Leben der Eltern bringt: Ein Meteoriteneinschlag, der alles in Frage stellt und trotzdem die Antwort auf alle Fragen ist. Er ist übergroße Liebe ohne Gegenleistung und Verdienst. Er fordert unglaublich heraus und verschenkt sich im gleichen Maße. Was mich am meisten beeindruckt: Er kennt uns in- und auswendig und begegnet uns auf kreative und humorvolle Art. Ich stelle mir Menschwerdung als Ende einer Versuchsreihe Gottes vor, sich den Menschen begreiflich zu machen. Als nichts mehr half wurde er Kind, weil er wusste, dass er uns so unbedingt anrühren würde. Allein schon für diese Idee zolle ich ihm höchsten Respekt und Bewunderung.

Gemeinschaft

Weihnachten geht nicht alleine: Gott ist ein Gott der Gemeinschaft. Das wird deutlich, wenn Hirten und Weise von nah und fern zur Krippe eilen. Übersetzt ins Hier und Jetzt geht es darum, dass die Menschheit Gott ähnlich ist. Nicht ein Mensch. Nicht eine Nation. Das einzige WIR, das Gott gegenüber formuliert werden kann ist das Wir der Menschheit. Dahinter verbirgt sich die Frage, wie Kommunikation über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg gelingt. Dahinter verbirgt sich aber auch die Frage, wie die Menschheit Globalisierung nicht rein wirtschaftlich denken kann, sondern zum Wohle der Gattung Mensch: Wie erreichen wir mit vereinten Kräften, dass unsere Erde nicht vermüllt, dass Kriege enden, dass kein Mensch Hunger leidet? Wie setzten wir das Weltwissen als Wissen für die Welt und alle ihre Bewohnerinnen und Bewohner um? Die Krippe ist so verstanden ein Sinnbild für unsere Verantwortung füreinander und die Welt. Sie wird zum Ansporn, sich als Christin, als Christ politisch und gesellschaftlich zu engagieren und dem Glauben damit Hand und Fuß zu geben.

Zurück unter den Weihnachtsbaum meiner Kindheit: Natürlich hatten die Gedanken, wie ich sie hier beschrieben habe keinen Platz in der Kindheitsweihnachtswelt. Sie sind mit den Jahren gewachsen und haben von Jahr zu Jahr eine andere Kontur und Färbung. Was sich aber stereotyp mit jedem Lebensjahr wiederholt ist das Gefühl von Frieden und Glück, das sich zu voller Schönheit in dem Moment entfaltet, in dem alle das Bild genießen können. Es ist der Moment vor dem großen Geschenkeöffnen, der Moment der Erwartung, der Moment von „Stille Nacht“. Ich wage zu behaupten, dass ein direkter Gottesbezug für Menschen in Deutschland im Jahr 2018 nicht mehr unbedingt an Weihnachten geknüpft ist. Ich schätze Gott aber so ein, dass er auch hier kreativ und mit etwas Humor am Werk ist: Er steckt im Weihnachtsgefühl, braucht nicht beim Namen genannt zu werden, um da zu sein, lässt sich im Glück des durch das aufgerissene Geschenkpapier blitzenden Spielzeugs finden oder im Plätzchenduft. Das hat er schon immer so gemacht: Vor 2000 Jahren blitzte er ganz unprätentiös durch Stoffwindeln, Stallgeruch und Mutterglück. Er ist eben ein Gott der kleinen Dinge und umso mehr ein Wunder.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.